Wale beobachten in Islands Westfjorden

Wer das erste Mal die Westfjorde bereist, stellt eines schnell fest: Hier läuft alles etwas langsamer als im restlichen Island. Die Menschen scheinen gelassener, leben und überleben hier seit Jahrhunderten von dem, was Natur und Jahreszeit zu bieten haben. Der Rhythmus der Jahreszeiten und der Wetterwechsel scheinen hier den Tag und das Leben zu bestimmen. Wir haben unseren Rhythmus am vierten Tag in den Westfjorden gefunden, natürlich beim Wale beobachten.

Hinweis: Diesen Artikel haben wir für das Magazin „Zauber des Nordens“ (Ausgabe 2020 2) geschrieben. Jetzt findet Ihr diesen Artikel hier in voller Länge. Mit freundlicher Genehmigung von Zauber des Nordens. Text und Bilder sind von uns, außer wo anders gekennzeichnet

Der Rhythmus der Westfjorde

Es ist eine sehr gute Idee, viel Zeit mitzubringen, um die „Ring Road 2“, den spektakulären Rundkurs durch die Westfjorde, in Ruhe zu befahren. Ein Tipp, den wir beim nächsten Mal mehr berücksichtigen werden. Für unseren ersten Abstecher in die Westfjorde hatten wir leider nur vier Tage eingeplant. Viel zu kurz, um alle Ecken zu erkunden und auf sich wirken zu lassen. Unsere Tage in den Westfjorden waren bestimmt von dem Auf- und Ab der Straßen und von den unzähligen Fjorden, die weitestgehend sämtlich umfahren werden müssen. So ähnelt die Ring Road 2 eher einem Sägeblatt als einem runden Ring.

Der Lohn sind allerdings spektakuläre Ausblicke auf bezaubernde Fjorde und die magischen Tafelberge. Tatsächlich finden wir unseren Westfjorde-Rhythmus erst am Tag unserer Abreise, als wir bei unserer Walbeobachtung in Hólmavík zahlreiche Buckelwale bei ihren regelmäßigen Atempausen direkt am Boot beobachten dürfen.

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Wale beobachten in Hólmavík: Atempause abseits der Touristenpfade

Hólmavík ist ein kleines Örtchen mit rund 320 Einwohnern am Rande der Westfjorde. Wir stehen am Samstagmorgen um 9:00 Uhr im Hafen. Es nieselt und obwohl wir im Juli hier sind, ist es sehr frisch. Im Hafen liegen nur zwei Boote, eines davon wird uns später in die Bucht hinausfahren.

Anders als in der bekannten Hauptstadt für das Wale-Beobachten Húsavík gibt es hier weder Touristenmassen noch zahllose Sightseeing-Anbieter. Wir sehen keine Restaurants, Cafés und auch keine Souvenir Shops. Genau genommen ist hier im Hafen keine Menschenseele. Der Ort wirkt auf uns etwas verschlafen und wie ein Gegenentwurf zum quirligen Húsavík. Wir brühen uns erst einmal einen Kaffee auf und beobachten den Hafen durch die Regentropfen auf der Windschutzscheibe. Unsere Walbeobachtungs-Tour beginnt erst in einer Stunde und wir sind viel zu früh am Ableger. Äußerlich gelassen, innerlich aber voller Ungeduld und Vorfreude warten wir darauf, dass die zweistündige Fahrt mit Láki Tours beginnt.

Nachdem wir im Vorjahr bereits in Húsavík Buckelwale beobachten konnten, sind wir recht walverrückt geworden und haben begonnen uns auch in Deutschland für den Schutz der Meeressäuger zu engagieren. Wenige Minuten vor der Abfahrt bittet uns unser Kapitän aufs Boot und wir lernen unseren Tourguide Judith Scott kennen.

Judith ist gebürtige Britin und widmet sich ganzjährig dem Leben der Wale. Dabei folgt sie den Meeressäugern und reist je nach Saison immer an die interessantesten Spots für Walbeobachtung: Von Mexiko, Südafrika, über Kanada bis nach Island. Judith ist nicht nur ein exzellenter Tourguide, sondern auch Fotografin und Walforscherin. An Bord sind nur fünf weitere Gäste, obwohl wir im Juli zur besten Reisezeit unterwegs sind.

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Leinen los. Auf Tuchfühlung mit den Buckelwalen

Hólmavík liegt geschützt im Steingrímsfjörður und bis zur offenen See sind es rund 14 Kilometer. Entsprechend ruhig ist die Fahrt und Seekrankheit scheint kein Thema zu sein, was die Tour auch für Familien mit Kindern interessant macht. Die sanfte See ist natürlich auch ideal für Fotografen. Judith hat ihr gesamtes Leben den Walen und der Walforschung gewidmet. Sie fotografiert die Wale und teilt die Bilder mit anderen Forschungseinrichtungen, um die Wanderung der Wale zu dokumentieren. Tatsächlich kennt und erkennt sie viele „Stammbesucher“ in der Bucht von Hólmavík. Jede Schwanzflosse ist anders gezeichnet, hat eine individuelle Form und kann daher mit dem Fingerabdruck eines Menschen verglichen werden.

Tatsächlich dauert es nicht lange, bis der erste Buckelwal auftaucht. Judith kennt diesen Wal bereits. Aufgrund seiner ausgeprägten Narben trägt er den Namen „Scarface“. Immer wieder taucht er direkt neben dem Boot aus der Unterwasserwelt auf. Sekundenlang schaut er uns tief in die Augen, bevor er noch einmal Luft holt und sich mit seiner Schwanzflosse in seine Unterwasserwelt verabschiedet. Anders als in Húsavík, wo auftauchende Wale schnell von Zodiaks und Booten unterschiedlicher Anbieter eingekreist werden, ist Láki das einzige Whale Watching Unternehmen in der gesamten Bucht. Die Wale bleiben für uns unerwartet lange an der Oberfläche und bewegen sich nahe am Boot. Wer beobachtet hier eigentlich wen? Wale, insbesondere Buckelwale, strahlen eine so ergreifend tiefe Ruhe aus, dass wir Stunden mit ihnen verbringen könnten.

wale beobachten holmavik

Wale beobachten nach Code of Conduct

Unser Gastgeber, Láki Tours, ist kleines Familienunternehmen, das den Gästen nicht nur Wale zeigen, sondern auch über diese informieren will. Die Tourguides wie Judith haben sehr viel Erfahrung. Nicht nur von Waltouren in Island, sondern rund um den Globus. Wir spüren die Leidenschaft und Faszination, mit der Judith von den Tieren erzählt. Es geht ihr dabei um Aufklärung. „Wir wollen die Liebe für die Wale weitergeben und unseren Gästen klar machen, warum der Schutz der Meere so wichtig ist“ erzählt sie. Láki Tours führt seine Ausflüge mit großem Respekt für die Tiere durch und man hält sich daran, die Wale so wenig wie möglich zu stören.

Gísli, einer der Gründer von Láki Tours, war übrigens eine treibende Kraft für die Implementierung des überall bekannten Code of Conducts für das Whale Watching. Vermutlich ist es genau diese unaufdringliche Beobachtung der Wale, die das Erlebnis hier so einzigartig machen. Kommen die Wale zur Ruhe, so kommen auch wir zur Ruhe. Nach einer Zeit legen wir die Kamera weg und lassen uns mit Scarface treiben.

Ein heikles Thema: Waljagd in Island

Seit unseren ersten Waltouren in Island interessiert uns das Wohl der Wale immer mehr. Oft konnten wir Diskussionen über die isländische Waljagd nur von außen beobachten. Jetzt können wir direkt vor Ort die Experten befragen: Das Vorurteil, dass alle Isländer Walfleisch essen, sei nicht korrekt erfahren wir. „Nur 2% aller Isländer essen regelmäßig Walfleisch und das meiste wird lediglich für Touristen in Restaurants zubereitet“. Es gibt eine große isländische Kampagne die darauf aufmerksam macht und vor allem Touristen sensibilisieren möchte, dass Walfleisch kein traditionelles Essen in Island ist.

Eine der bekanntesten Initiatoren ist Ice Whale, die mit der Kampagne “Meet us, don’t eat us” vor allem Reisende davon überzeugen möchte, dass eine Walbeobachtung ein viel schöneres und nachhaltigeres Erlebnis ist, als ein Stück Walfleisch auf dem Teller. Auch wir haben eine klare Meinung zum Thema Waljagd in Island und anderswo.

Westfjorde: Atemberaubende Momente

Wale zu beobachten ist ein einzigartiges Erlebnis. Die Spannung und die Stille beim Warten und die Ruhe, welche die riesigen Buckelwale ausstrahlen, sind einfach majestätisch. Wer etwas mehr Zeit mit den Walen haben möchte, sollte besser in den Westfjorden und nicht unbedingt in Húsavík eine Walbeobachtungstour buchen. Vielleicht haben die Menschen aus den Westfjorden ihre Geduld und Gelassenheit ja auch von den Buckelwalen, wer weiß das schon so genau. Die Landschaft, die Natur- und die Tierwelt bieten magisch schöne Augenblicke. Für uns waren die Westfjorde auch dank dieser Tour eine Atempause, für die es sicher immer lohnen wird wiederzukommen.

 

Dieser Artikel ist in dem Magazin „Zauber des Nordens“ erschienen. Wenn Ihr eine Reise in die Westfjorde plant, empfehlen wir Euch das Magazin. Ihr könnt dieses direkt beim Verlag bestellen.

Westfjorde Zauber des Nordens