Hallo Ihr Lieben,

als wir 2016 das erste Mal nach Island gefahren sind, hatten wir mächtig Respekt und Anna große Angst vor Erdbeben und Vulkanausbrüchen auf Island. Wir haben natürlich immer noch sehr viel Respekt, wissen aber mittlerweile, dass die Isländer einen sehr guten Zivilschutz haben. Zudem haben wir uns in den letzten Jahren auch etwas mit Vulkanen und Geologie Islands beschäftigt und können seither gar nicht genug bekommen vom Vulkanismus.

Heute dürfen wir eine ganz besondere Persönlichkeit aus Island interviewen. Helga Kristín Torfadóttir ist eine isländische Geologin, die schon vor dem Vulkanausbruch in Island 2021 schon sehr viel Bekanntheit erlangte. Auf ihrem Instagram Account geology_with_helga erklärt die Geologin interessante Zusammenhänge.

Mit über 25 Tausend Followern und Medienpräsenz unter anderem auf BBC ist sie weit über Island hinaus bekannt und wir sind sehr dankbar, dass wir ein Interview mit ihr machen durften.

Wir haben ein spannendes Foto auf Deinem Instagram-Konto gefunden. Auf dem Bild sieht man Dich in einem Astronautenanzug und einer isländischen Flagge. Wir wissen, dass Island wie ein eigener Planet ist. Was ist die Geschichte hinter dem Bild?

Ich hatte eine fantastische Gelegenheit mit Professor Michael Lye zusammenzuarbeiten. Michael ist ein NASA-Koordinator, der einen Raumanzug für die erste bemannte Mission zum Mars entworfen hat. Ich habe den Anzug getestet, während ich geologische Feldarbeiten durchführte. Also genauso wie Geologen auf der Marsoberfläche arbeiten würden. Durch den Test konnten Vor- und Nachteile bei verschiedenen Tätigkeit festgestellt werden und die Anzüge noch weiter verbessert werden.

 

Im Portait: Helga Kristín Torfadóttir - Die bekannteste Vulkanexpertin aus Island

Credit: @geology_with_helga/

 

Wie fühlt es sich an, in einem solchen Raumanzug zu stecken? Würdest Du gerne auf dem Mars darin Gesteinsproben nehmen?

Der Anzug ist sehr schwer und wiegt etwa 25 kg. Michael hat es mit seiner hervorragenden Arbeit geschafft, dass das Gewicht der Schultern auf die Hüften verteilt wird. Nach 45 Minuten im Anzug, ich war ein bisschen außer Atem. Ein Großteil der Arbeit findet vornüber gebeugt statt, insbesondere bei der Entnahme von Gesteinsproben oder beim Zusammenbau eines Lasergerätes. Ich bin auch ein bisschen stolz, dass ich als erster Mensch in einem Raumanzug eisklettern konnte. Es gibt auf dem Mars tatsächlich einen Gletscher. Ich stellte fest, dass die Schuhe steifer sein müssen und mehr Festigkeit benötigt, damit die Steigeisen nicht den Stoff zerreißen.

Aber ja, ich würde definitiv in dem Anzug auf dem Mond oder dem Mars arbeiten. 

Was liebst Du am meisten an Geologie und Vulkanismus? Wie wurde Dein Interesse dafür geweckt?

Nach meinem Bachelorstudium in Geologie war es für mich schwierig, ein Fachgebiet für meinen Master auszuwählen, weil ich alles an Geologie faszinierend finde. Die Action und Abenteuer rund um Vulkanismus hat mich am meisten begeistert, und meine Liebe zu Mineralien und Lava-Kompositionen miteinander verflechten zu können. 

Im Portait: Helga Kristín Torfadóttir - Die bekannteste Vulkanexpertin aus Island

Du bist derzeit Doktorand, was sind die Schwerpunkte Deiner Forschung und Dissertation? Was machst du in deinen Geologie- und Vulkanismus-Studien?

Obwohl ich viel Zeit mit während des Ausbruchs auf Reykjanes verbracht habe, ist dieser nicht Teil meiner Promotion und Forschung. Ich konzentriere mich auf Islands gefährlichsten Vulkan, den Öræfajökull. Dieser liegt im Südosten von Island, ganz in der Nähe der  Gletscherlagunen und viele berühmte Sehenswürdigkeiten. Der Öræfajökull ist ein schlafender Riese und eliminiert alles, was sich ihm in den Weg stellt, wenn er ausbricht. Mein PhD-Studium beschäftigt sich mit Vulkanologie und Petrologie, was bedeutet, dass ich mich auf die chemische Zusammensetzung von Lava und vulkanischen Produkten konzentriere. Vor diesem Hintergrund konstruiere ich die Lavakammern und -Ströme des Vulkan.Das heißt, ich finde heraus, wo das Magma verläuft und wo es an die Oberfläche ausbrechen könnte. Das ist sehr hilfreich, wenn ein Vulkan unruhiger wird und ein Ausbruch befürchtet wird.

Im Portait: Helga Kristín Torfadóttir - Die bekannteste Vulkanexpertin aus Island

Was ist aus geologischer Sicht so faszinierend an Island?

Geologisch gesehen ist das Faszinierende an Island, dass wir eine völlig neue Landmasse bilden. Aufgrund der permanenten vulkanischen Aktivität begleiten wir fast jedem Schritt des Weges. 

Island ist auch wegen des Mittelatlantischen Rückens einzigartig. Dieser trifft hier an Land und teilt Island in zwei Teile (der amerikanischen und der eurasischen Kontinentalplatte). Gletscher haben wir auch hier und damit haben wir hier eine komplexe Beziehung zwischen Vulkanen und Gletschern. 

Für Geologie-Interessierte, welche Orte sollten Gäste aus dem Ausland unbedingt besuchen, wenn sie in Island sind?

Ich empfehle immer den Süden Islands, weil man hier den größten Teil der vielseitigen Landschaft sehen kann. Es ist ein einfacher Tagesausflug von Reykjavik. Man sieht Vulkane, Wasserfälle, Gletscher, schwarze Sandstrände und Basaltsäulen.

Der Süden neigt jedoch dazu sehr stürmisch und regnerisch zu sein, also hängt vieles etwas vom Glück mit dem Wetter ab. Bitte achten Sie darauf, nicht direkt auf der Ringstrasse zu halten. Leider sind Unfälle mit Touristen hier an der Tagesordnung, da sie wegen den vielen Fotomotiven gerne direkt auf der Strasse stehen bleiben. Für Isländer ist die Ringstrasse die “Hauptautobahn” sozusagen.

Das letzte Jahr war aufgrund des Ausbruchs des Fagradalsfjall sehr intensiv für Dich. Wie sieht Dein Alltag aus zwischen neuen Eruptionen, Gletscherwanderungen und Anfragen auf Instagram und der BBC aus? Wie schaffst Du es Dich zu fokussieren und so viele Themen gleichzeitig zu bearbeiten?

Es kann sehr schwierig sein, viele Aufgaben gleichzeitig zu verwalten, und oft müssen Prioritäten gesetzt werden. Mein Doktortitel kommt immer zuerst, damit ich diesen Abschluss machen kann. Ich arbeite viel in Routinen und kann mich sehr desorientiert fühlen, wenn diese durcheinander gebracht wird. In diesem Fall ist es wichtig, organisiert zu bleiben. Aber ich bin wirklich froh und dankbar für all die Interessen und Anfragen, die ich bekomme, da sie mir einen guten Antrieb geben.

Geologie ist oft wie ein Blick in die Vergangenheit, oder? Aber man beschäftigt sich auch viel mit der Gegenwart und der Zukunft. Denken wir  zum Beispiel an des Schmelzen der Gletscher. Wie verändert sich Island aufgrund der Klimaerwärmung und ist dies ein Problem für die Menschen hier? Wir haben das Gefühl, dass die Isländer nicht sehr ängstlich sind, nicht nur wegen des Mottos “Petta reddast” (Anm.: “das wird schon”) 

Wie mein Freund Charles Lyell einmal sagte: „Die Gegenwart ist der Schlüssel zur Vergangenheit“, was bedeutet, dass die Kräfte, die heute auftreten, während der gesamten Erdgeschichte gewirkt haben. Also, wenn wir verstehen, was wir heute sehen, wie zum Beispiel bei Eruptionen, können wir verstehen, welche Lavaströme und Magmakammern sich wie verhalten haben.

Die Gegenwart auch der Schlüssel zur Zukunft

Helga Kristín Torfadóttir

Natürlich funktioniert der Satz auch anders herum; dann ist die Gegenwart auch der Schlüssel zur Zukunft. Aber wie ich immer sage, Mutter Erde ist hinterhältig und unberechenbar, aber sie verkompliziert die Dinge nicht unnötig und kreiert immer wieder die gleichen Formen und Strukturen in allen möglichen Maßstäben in der Natur. Sie weiß, wie man smart (und nicht hart) arbeitet, was zufällig auch mein Lieblingsspruch ist.

Aber in Bezug auf unsere Gletscher ist es herzzerreißend, sie so schnell schrumpfen zu sehen. Man sieht die Veränderungen so deutlich und ich kann nicht verstehen, wie Menschen immer noch leugnen können, dass sich das Klima ändert und wir dafür verantwortlich sind.

Aber wenn es eine positive Seite unserer schrumpfenden Gletscher gibt, dann ist es die Tatsache, dass sie ein völlig neues Land freigeben, das noch nie zuvor gesehen wurde. Aber es ist traurig, diese extremen Veränderungen jetzt vor unseren Augen zu sehen. Wir wurden vor Jahren gewarnt!

Ich denke, dass Island in dieser Hinsicht im Vergleich zu anderen Ländern weit voraus ist, und wir sind uns der Situation sehr bewusst sind, obwohl wir gerne „Þetta reddast!“ denken.

Liebe Helga, wir danken Dir riesig für Deine Zeit und die spannenden Einblicke. 

Da nach unserem Interview der Vulkan in Reykjanes wieder ausbricht, ist Helga natürlich wieder noch mehr beschäftigt als eh schon. Folgt Ihr auf ihrem Instagram Profil. Falls Euch der Vulkan reizt schaut doch mal unsere beiden Artikel  zum Fagradalsfjall und die aktuellen Updates 2022 an.

Falls Ihr noch mehr über Helga und ihre Arbeit erfahren wollt, schaut doch mal dieses Video an (Unbezahlter Link).

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